Thesen aus der russischen Provinz

#5

1. The russian youth loves the doctor, but his name ist not Shivago. Just as you've pushed past the crowds of weirdly dressed people that have immediately embraced you upon entering the cinema you stand right in front of him, the doctor. Doctor Who? Exactly. Or rather an impersonator of this British cult series' main character, who's part of a grand spectacle celebrating the local premiere of the recent The Day of the Doctor motion picture. All this excitement about a rather silly film leaves you with a feeling of bewilderment. Don't these people have something better to do, like browsing Ebay in order to purchase a badass Chewbacca costume in time for the Star Wars: Episode VII premiere in 2015?

2. Russische Männer raufen sich gerne mal. So erzählt dir ein so groß wie breiter Russe, dass er schon in einigen Faustkämpfen war. Er deutet auf seine Nase: Die war schon viermal gebrochen. Aber er teilt auch ganz gerne aus. Seinen letzten Gegner, einen Boxer, hat er wortwörtlich mit einem blauen Auge davonkommen lassen. Ein bisschen geblutet hat es aber auch. Und Messer werden normalerweise zuhause gelassen. Da wünschst du dir doch ein bisschen, nicht in einem Land aufgewachsen zu sein, in dem du dich vor jedem potenziellen Akt der Aggression fragen musst, ob du danach nicht von der Schule fliegen oder verklagt werden würdest.

3. Die angeborene Furcht des Deutschen vor Autoritäten ist unbegründet. Oder hilfreich? Du bist dir nicht ganz sicher, aber zumindest legen die beiden jungen Polizisten, die dich nachts in ihren gelben Warnwesten wegen unerlaubten Überquerens der Straße angehalten haben, keine übermäßige Strenge an den Tag und lassen dich nach kurzem Studieren der Papiere weiterziehen. Aber du hast ja auch brav Entschuldigung gesagt, die Dummer-Ausländer-Karte gespielt, sehr verständnisvoll eingesehen, dass du beim nächsten mal den Zebrastreifen benutzen sollst, und dich artig fürs Laufenlassen bedankt.

1 Kommentar 30.11.13 20:14, kommentieren

#4

1. Das blanke Schwert des Amerikanismus ist ein zweischneidiges. Burger King (oder: Бургер Кинг ) und der erste Bissen eines global gleichgeschalteten Whoppers stellen zwar stets ein Stück Heimat dar. Doch beim Gang durch seelenlose Einkausfzentren würdest du dem winkenden Donald Duck statt bei seinem maschinell gefertigten und für die Ewigkeit gemachten Grinsen lieber bei einem seiner doch eigentlichen viel häufigeren Wutanfälle zuschauen. Die schweigenden, immer weiter ziehenden Trauben von Menschen, gemahnen, dass Romero's Metapher in Dawn of the Dead alles andere als an den Haaren herbeigezogen war.

2. Die angeborene Furcht des Deutschen vor Autoritäten nimmt im Ausland noch zu. Dies würde zumindest Träume erklären, in deren Prolog du den Supermarkt um die Ecke ausraubst, im Hauptteil von einem Gefühl des Terrors getrieben durch die grauen Straßen eilst und im Epilog unter einem Berg von russischen Sicherheitskräften begraben wirst. Dabei ist doch die grimmige Dame von der Hausverwaltung, die das Alkohol- und Zigarettenverbot durchsetzt schon furchteinflößend genug.

3. Die Lächelgrenze ist eine Lüge. Du reist hunderte von Kilometern, du kannst nicht entkommen. Selbst am fernen Ural, kann es geschehen. Nur eine Sekunde hast du nicht aufgepasst, nur eine Sekunde dein Lächeln fallen gelassen und da ist sie wieder. Die Frage aller Fragen, deren Schicksal mit deinem auf ewig verwoben scheint: „Warum schaust du so ernst?“

6 Kommentare 23.11.13 21:06, kommentieren